Heidelberg gilt als die Stadt der Dichter und Philosophen. Beiden ist gemeinsam die Liebe zum Schönen und Wahren. Man spricht nicht von ungefähr vom genus loci, von der geistigen Ausstrahlung eines Ortes, die solches gebiert. Daher war es ein guter Gedanke der Kongreßleitung, das Tagungsthema "Universität und Erfahrungsheilkunde" zu benennen, da man hier in Heidelberg hoffen kann, daß sich beide näher kommen
Seit Humboldts Zeiten umgibt die Universität ein Glorienschein. Sie ist der Hort aller Wissenschaftlichkeit. Es gibt auch heute noch strenge Kriterien, die Stufenleiter der Wissenschaften zu erklimmen, angefangen von der Promotion über die Habilitation zur venia legendi und Professur. Außerhalb dieses hehren Gremiums tummelt sich die Erfahrungsheilkunde. Sie hat Narrenfreiheit, sofern sie nicht schadet. Sie ist wissenschaftlich nicht anerkannt. Die Behandlungskosten werden folglich von den Krankenkassen in der Regel nicht erstattet. Auch Gelder für Forschungszwecke stehen praktisch nicht zur Verfügung. Und trotzdem gibt es immer mehr Patienten, die sich in dieser Art von Medizin aufgehoben fühlen und sie sogar bevorzugen. Es sind nicht einmal die Unkritischsten, wie in einem der Vorträge noch erläutert werden wird. Aber auch die Innungskrankenkassen möchten sich den Naturheilverfahren öffnen, da etwa zweidrittel ihrer Mitglieder laut Umfrage diese Therapieformen bevorzugen würden, falls sie erstattungsfähig wären.
Die Kasse hat sich deshalb an den Gesetzgeber in Bonn gewandt mit der Bitte, ihr mehr Spielraum für Entscheidungen zu geben.
Die universitäre Medizin stützt sich seit etwa einhundert Jahren auf das Experiment. Da nun der Mensch als hochkomplexes System mit einer immensen Fülle von Unbekannten sich für ein Experiment im Sinne der klassischen Physik und Chemie nicht eignet - denn die Psyche und der Geist sind dabei unkalkulierbare Störfaktoren -, sah man sich gezwungen, Experimente an Mikroben und Tieren zu machen. Unterstützt wurde diese Entwicklung nachhaltig von der Arzneimittelindustrie.Universität und Kapital gingen eine für beide Seiten erfolgreiche und einträgliche Symbiose ein, an denen die niedergelassenen Ärzte partizipieren.
Die Erfahrungsheilkunde dagegen ist kein festgefügter Block. Sie vertritt die verschiedensten Richtungen mit zum Teil sehr unterschiedlichen diagnostischen und therapeutischen Ansätzen und Methoden. Deswegen ist es begrüßenswert, wenn ein einheitliches Konzept für die in der Erfahrungsheilkunde zusammengefaßten Therapierichtungen erarbeitet würde, wie es zum Beispiel zwischen Kneipptherapie und Chinesischer Medizin schon versucht wurde. Denn die Frage ist ja: Ist Medizin überhaupt eine Wissenschaft, und wenn ja: Ist sie ein Natur- oder Geisteswissenschaft oder nur eine Kunst? Ist sie nur eine Anhäufung von Wissen in einem bestimmten Bereich oder hat sie auch etwas zu tun mit der Suche nach Wahrheit oder mit dem Verstehen von Dingen, mit dem den-Dingen-auf-den-Grund-gehen wollen?
Seit Urzeiten ist der Mensch immer versucht gewesen, solch bohrende Fragen zu stellen, die ihm zum Baum der Erkenntnis in der Mitte des Gartens Eden trieben und ihn in die Lage versetzten, zum Wohl und auch Wehe der Menschheit zu handeln. Zum Wehe der Menschheit dann, wenn die Ehrfurcht vor den Geheimnissen des Lebens und vor dem Urgrund allen Seins fehlte.
Wenn ich jetzt im Besonderen die traditionelle Chinesische Medizin betrachte, so möchte ich die Frage, ob sie Naturwissenschaft ist, bejahen, da wir uns verpflichtet fühlen, die Natur genauestens zu beobachten und uns bemühen, über die Hintergründe der Erscheinungen theoretische Überlegungen anzustellen und Gesetzmäßigkeiten aufzustellen, die sich dann in der Praxis, das heißt im Therapieerfolg, bestätigen sollten. Daß wir dabei eine andere Sichtweise als die universitäre Medizin haben, spielt keine Rolle. Eine Medaille hat immer zwei Seiten oder noch mehr. Wir sollten uns deshalb nicht befeinden oder ausgrenzen, sondern zum Wohle des Patienten zusammenarbeiten.
Im Folgenden möchte ich mich daher beschränken auch die Darstellung unserer Tätigkeit in den Arbeitsgemeinschaften unter der Schirmherrschaft der Gesellschaft für die Dokumentation von Erfahrungsmaterial der Chinesischen Arzneitherapie, der DECA GmbH. In der Schweiz, in Österreich und in Deutschland haben wir an den verschiedensten Orten Arbeitsgemeinschaften (keine Vereine), die sich meist einmal monatlich einen ganzen Tag treffen, um Erfahrungen und Gedanken auszutauschen und daraus Schlußfolgerungen für das persönliche diagnostische und therapeutische Vorgehen zu ziehen. Ein- oder zweimal jährlich treffen sich die Teilnehmer dieser Arbeitsgemeinschaften zu einem mehrtägigen Seminar der DECA, um Behandlungsstrategien in gemeinsamen Gesprächen zu hinterfragen.
Wie Sie daraus ersehen, handeln wir nach dem Spruch von Goethe: "Geprägte Form, die lebend sich entwickelt". Wir stützen uns in unserer täglichen Arbeit auf das jahrtausendealte Wissen der Chinesischen Medizin, stellen aber immer wieder fest, daß wir im Einzelfall oft eigene Wege gehen müssen, sei es in der Auswahl und Anzahl der Kräuter oder deren Dosierungen.
Wenn unsere Vortragsveranstaltung unter das Thema gestellt wurde "Beha
ndlungsstrategien bei bestimmten Syndromen mit reproduzierbaren Ergebnissen", so versuchen wir aufzuzeigen, daß Wissenschaft auch außerhalb von Laboratorien und Tierversuchen betrieben werden kann. Denn wir sind jeden Tag gefordert, unsere Theorien, für die wir noch die Sprache der Bilder benutzen müssen, in der Praxis zu erproben. Aber vielleicht kommt die Sprache der Bilder dem Leben näher als die Summe von Meßdaten.
Wie war es doch in Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften"? Da steht Ulrich an einem Fenster seines Hauses und sucht die Eindrücke zu ordnen, die von der Straße her auf ihn eindringen. Er zählt mit der Uhr in der Hand die Autos, die Wagen, die Trambahnen, die Passanten, schätzt die Geschwindigkeiten, die Winkel, das Kräftespiel der Massen. Doch nach zehn Minuten sieht er ein, daß sein Unterfangen aussichtslos ist. Selbst der kleine Weltausschnitt, mit dem er es zu tun hat, überfordert sein Fassungsvermögen. Was er wahrnimmt, scheint über ihn hinwegzuschwappen wie eine riesige Welle, gerät zum Symptom einer geschichtlichen Bewegung, die zusehends an Tempo gewinnt, die sich verselbstständigt, in unzählige Gleichzeitigkeiten aufsplittert. (aus Neue Zürcher Zeitung vom 5.8.93).
Ähnlich ergeht es heute der universitären Medizin. Die Informationsfülle ist derart groß, daß ein Einzelner sie nicht mehr überblicken kann. Die Folge ist eine stetige Aufsplitterung in immer begrenztere Fachbereiche. Der Patient splittert sich dabei auch auf. Wie gut, daß es noch Computer gibt! Vielleicht können die ihn eines Tages wieder zusammenfügen.
Die Chinesische Medizin dagegen spricht von Größen, Vektoren und Strukturen und benutzt hierfür gerne eine bildhafte Sprache. Sie ähnelt darin in weiten Teilen der modernen Atomphysik. So läßt Werner Heisenberg in seinem Buch "Der Teil und das Ganze" auf Seite 63 den großen Physiker Niels Bohr sagen: "Unsere Bilder sind aus Erfahrungen erschlossen oder erraten, nicht aus irgendwelchen theoretischen Berechnungen gewonnen. Wir müssen uns klar darüber sein, daß die Sprache hier nur ähnlich gebraucht werden kann wie in der Dichtung, in der es ja auch nicht darum geht, Sachverhalte präzis darzustellen, sondern darum, Bilder im Bewußtsein des Hörers zu erzeugen und gedankliche Verbindungen herzustellen."
Wenn wir also von Symptomenkomplexen reden wie zum Beispiel "Winderkrankungen", "Erkältungskrankheiten", "Schleimerkrankungen", so verbergen sich hinter diesen Begriffen bestimmte Bilder und nicht wie bei der universitären Medizin eine Symptomatik, für die man eine Erklärung schuldig bleibt. Die klinischen Syndrome der Schulmedizin füllen nämlich inzwischen Bände und ihre ständig wachsende Zahl enthüllt die Hilflosigkeit der Professoren, die Gesetze der kausalanalytisch arbeitenden klassischen Naturwissenschaften auf die Phänomene lebender Strukturen anzuwenden.
In unserer Vortragsveranstaltung stellen wir also einige klinische Syndrome vor, um logische Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichsten Störungen und Organmanifestationen aufzuzeigen und aus ihnen eine rational begründbare therapeutische Strategie abzuleiten. Denn wir ziehen bei unserer Beurteilung nicht nur objektive Befunde in unsere Überlegungen mit ein, sondern wissen auch die subjektiven Empfindungen des Patienten einzuordnen. Warum sollte die Befindlichkeit eines Menschen nicht den gleichen Stellenwert erhalten wie die scheinbar objektive Befunderhebung des Arztes?
Niels Bohr meint zu dieser Problematik an anderer Stelle (ebd. S. 124): "Daher empfinde ich es als eine Befreiung unseres Denkens, daß wir aus der Entwicklung der Physik in den letzten Jahrzehnten gelernt haben, wie problematisch die Begriffe "objektiv" und "subjektiv" sind. Das hat ja schon mit der Relativitätstheorie angefangen. Früher galt die Aussage, daß zwei Ereignisse gleichzeitig seien, als eine objektive Feststellung, die durch die Sprache eindeutig weitergegeben werden könne und damit auch der Kontrolle durch jeden beliebigen Beobachter offen stehe. Heute wissen wir, daß der Begriff "gleichzeitig" ein subjektives Element enthält insofern, als zwei Ereignisse, die für einen ruhenden Beobachter als gleichzeitig gelten müssen, für einen bewegten Beobachter nicht notwendig gleichzeitig sind. Die relativistische Beschreibung ist aber noch insofern objektiv, als ja jeder Beobachter durch Umrechnung ermitteln kann, was der andere Beobachter wahrnehmen wird oder wahrgenommen hat.... Insofern enthält in der heutigen Naturwissenschaft jeder physikalische Sachverhalt objektive und subjektive Züge. Die objektive Naturwissenschaft des vorigen Jahrhunderts war, wie wir jetzt wissen, ein idealer Grenzbegriff, aber nicht die Wirklichkeit."
Wenn wir also in der Chinesischen Medizin die subjektiven Empfindungen des Patienten in unsere theoretischen Überlegungen miteinbeziehen und sie in Beziehung setzen versuchen mit unseren objektiven Befunden des Erscheinungsbildes, der Zunge und des Pulses, so betreiben wir damit sicher eine Medizin, die zur Zeit noch nicht in mathematischen Formeln ausgedrückt werden kann. Kommt Zeit, kommt Rat. Jedenfalls ist der Patient oft überrascht, daß wir aufgrund unserer objektiven Beobachtungen Rückschlüsse ziehen können auf seine subjektive Situation. Er fühlt sich mit einem Mal verstanden und gewinnt Vertrauen in unsere Art, Medizin erfahrbar zu machen.
So könnte die Sicht der traditionellen Chinesischen Medizin eine Anregung für die Universitäten sein, zu einem neuen Denken aufzubrechen, das sich auf exakte Beobachtungen und auf allgemein gültige Gesetze gründet. Das dies kein frommer Wunsch ist, sondern schon begonnen hat, zeigte mir die gestrige Podiumsdiskussion zwischen Philosophen, Physikern, Klinikern, Wirtschaftlern und Praktikern zur Lage der heutigen Medizin, die mich in ihrer Ehrlichkeit und Tiefgründigkeit überraschte.
Erlauben Sie mir zum Schluß noch ein persönliches Wort. Wir müssen uns davor hüten in Aktionismus zu verfallen. Sonst kann unser Tun leicht in Manipulation ausarten. Gestern las ich einige Seiten im Phaidros von Platon und stieß zufällig auf folgende Sätze (S. 76 der Reclam-Ausgabe): Da spricht Sokrates: "Sage mir also: Wenn jemand zu deinem Freunde Eryximachos oder zu dessen Vater Akumenos käme und sagte: "Ich verstehe allerhand Mittel auf den Körper anzuwenden, daß ich ihn erwärme, wenn ich es will, und abkühle und, wenn es mir gutdünkt, Erbrechen errege, andererseits auch wieder abführe und noch vielerlei dergleichen. Und da ich dies verstehe, behaupte ich, Arzt zu sein und jeden zum Arzt zu machen, dem ich das Wissen hiervon weitergebe", was glaubst du, würden jene darauf antworten?" Und Phaidros entgegnet darauf: "Dann würden sie, glaube ich, sagen: Dieser Mensch ist toll, und weil er aus irgendeinem Buche etwas erfuhr oder zufällig Heilmittel fand, glaubt er ein Arzt geworden zu sein, obwohl er doch nichts von der Kunst versteht."
So meine ich, daß nur die Liebe zum betrachteten Gegenstand uns wahre Erkenntnis schenkt. Das drückt Platon einige Seiten später aus, wenn er Sokrates sagen läßt: "Mein Freund, im Heiligtum des Zeus zu Dodona sagten die Menschen, die ersten Weissagungen seien von einer Eiche ausgegangen. Weil sie keine Weisen waren, wie ihr Jünglinge heute, genügte es ihnen in ihrer Einfalt, der Eiche und dem Stein zuzuhören, wenn sie nur die Wahrheit sagten. Dir aber macht es vielleicht einen Unterschied, wer es sagt und aus welchem Land er kommt, denn du siehst nicht allein darauf, ob es sich so oder anders verhält."

Dr. med. Gerd Franken
Hohenstaufenring 61
50674 Köln