Chinesische Medizin für Europäer?

(aus Schwäbisches Tagblatt, 30.6.97)


Zhang Tian Ge ist Professor für TCM in einer 1000 Betten Klinik in Beidahe bei Peking und Leiter der dortigen Abteilung für Qi Gong Forschung. Das Tübinger " DAN Institut für TCM und Kultur " Hat ihn in die Universitätsstadt eingeladen, wo er seit zweieinhalb Monaten mit Vorträgen und Seminaren TCM Ärzte und Qi Gong Therapeuten fortbildet und die Anwendung traditioneller Heilmethoden in Europa erforscht. Wir wollten von ihm wissen , ob chinesische Medizin denn auf westliche Verhältnisse übertragen werden kann.
Wie erklärt Professor Zhang einem Mitteleuropäer, wie TCM, speziell Qi Gong wirkt? Qi Gong ist, erklärt er, eine Art sanfter Heilgymnastik für Atem, Körper und Geist. " Durch Regulierung des Körpers - zum Beispiel durch Regulierung von Nahrung, Atmung und Geist - kann man gesund werden." Körper und Geist ergänzen sich dabei gegenseitig, die Gesundung könne nicht durch Regulierung des Geistes oder des Atems allein erfolgen, "es muß beides zusammenspielen."
Qi Gong ist für ihn ein typisches Beispiel für die Unterschiede in der westlichen und in der chinesischen Kultur. Während sich die westliche Medizin auf einzelne Organe und Laboreinheiten konzentrierte, sei die Chinesische Medizin eine ganzheitliche Methode.
" In China hat sich in mehr als 1000 Jahren eine Qi Gong Kultur mit verschiedenen Schulen und Richtungen entwickelt ", erklärt Zhang. Doch auch in China habe es eine Hinwendung zur westlichen Medizin gegeben. Zhang selbst hat - während des Korea Krieges - zunächst westliche Medizin studiert: " Für die Kriegsverletzungen taugte die chinesische Medizin nicht viel." Als nach der Kulturrevolution China zunehmend vom Westen isoliert war und es immer schwieriger wurde, an Medikamente und medizinische Geräte heranzukommen, wurden von der Regierung Heilmethoden gefördert, die ohne Medikamente auskommen. Seit Mitte der 50er Jahre ist Qi Gong, das Spezialgebiet Zhangs, in China eine offiziell anerkannte Behandlungsmethode - nachdem auch chinesische Minister sie an sich testen ließen
" In den 80er Jahren dieses Jahrhunderts brach ein regelrechtes Qi Gong Fieber in China aus ", so Zhang, " und auch Leute, die keine Ärzte waren, übten es aus." In den 90er Jahren wurde Qi Gong dann in verschiedene Zweige unterteilt wie medizinisches Qi Gong, taoistisches Qi Gong, Qi Gong als (Kampf-)Sport und als Kunstform. Als medizinisches Qi Gong wurden die Übungen zugelassen, die durch klinische Forschungen erprobt sind. Bei welchen Krankheiten hilft Qi Gong bzw. wird Qi Gong empfohlen? "Es gibt 40 Krankheiten, die in China ganz offiziell über Qi Gong heilbar sind", sagt der Wissenschaftler. Jahrzehntelange Forschungen belegten das. Darüber hinaus könne Qi Gong weitere 40 Krankheiten heilen, ohne daß die Wirkungsweise bisher wissenschaftlich untersucht worden sei.
"Qi Gong stärkt Körper und Geist, und es stärkt die Abwehrkräfte, was bei Krankheiten wie Allergien und Asthma wichtig ist." Als Notfallmedizin nicht tauglich, wirke die chinesische Medizin doch sehr gut bei chronischen Erkrankungen wie Rheuma, Asthma, chronischen Entzündungen, Bluthochdruck oder Diabetes.
Aber kann ein Westeuropäer, der nicht bewandert ist in der chinesischen Kultur, auch erfolgreich mit Qi Gong oder Akupunktur behandelt werden? "Qi Gong hilft auch, wenn das sozio - kulturelle Hintergrundwissen fehlt ", ist Zhangs Erfahrung. Er hat schon Amerikanern Qi Gong beigebracht, "und wenn Amerikaner das lernen können Europäer, die noch ein bißchen näher sind, das auch."
Als Arzt, so Zhang, sollte man bei der Akupunktur allerdings ein paar Dinge beachten: "Wenn ein Patient zum ersten Mal zur Akupunktur kommt, sollte man sachte damit anfangen - wenn ich gleich zu heftig akupunktiere" - und das ist nicht selten mit Schmerzen verbunden - " kommt der Patient womöglich nicht wieder." Die Chinesen hingegen seien tiefere Nadelungen gewohnt und wüßten, daß Schmerz en während der Akupunktur als gutes Zeichen zu werten sind. "Hier müssen die Leute erst herangeführt werden."
Wichtig für eine gute Anwendung der Chinesischen Medizin in Europa sei es, so Zhang, "daß sich der europäische Arzt gut in TCM auskennt oder der chinesische Arzt schon mehrere Jahre hier zugebracht hat. Denn sonst, so Zhang, fehlt der kulturelle Brückenschlag.


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Quelle: http://www.ag-tcm.de