Zur Geschichte, Verbreitung und Stellenwert der
chinesischen Medizin in Mitteleuropa

von Dr. Chr. Schmincke

Einführung


Die chinesische Heilmethode der Akupunktur und Moxibustion (Haut-Erwärmung mittels Abbrennens von Artemisia-Kraut) wurde nach dem zweiten Weltkrieg von den Ärzten Bachmann, Stiefvater, Heribert Schmidt u.a. in Westdeutschland eingeführt.
Ursprungsländer waren damals Indochina (über Frankreich) und Japan.
Mit der Öffnung der VR China Anfang der 70er Jahre, setzte ein lebhafter Wissenschaftsaustausch zwischen China und dem Westen ein, in dessen Gefolge die Akupunktur und verwandte Richtungen bei uns einen bemerkenswerten Aufschwung nahmen.
Jetzt zeigte sich, daß die Akupunktur nur eine Einzelmethode aus einem umfassenden medizinischen Konzept darstellte, der TCM ("Traditional Chinese Medicine"), die an Therapieverfahren neben der Akupunktur noch eine Pharmako-Therapie, besondere Massage- und Übungspraktiken und eine Diätetik einschließt, alles eingebettet in eine eigene Krankheitslehre mit einer speziellen Terminologie und Diagnostik.

Innerhalb der therapeutischen Richtungen der Gegenwart nimmt die TCM einen wichtigen Platz ein:

 

Indikationsbereich

Der Anwendungsbereich der chinesischen Medizin erstreckt sich nicht nur auf das weite Feld der funktionellen und psychosomatischen Störungen, also Krankheiten, bei denen die westliche Diagnostik entweder kein anatomisches Krankheitssubstrat identifizieren kann, oder aber lediglich das Endresultat einer pathologischen Entwicklung erfaßt, deren vielfältige bedingende Faktoren ihr letztlich verborgen bleiben. Die chinesische Methode erlaubt es ebenso, üblicherweise als organisch klassifizierte Krankheiten zu behandeln, und zwar bei zahlreichen Indikationen erfolgreicher als herkömmliche Methoden und praktisch ohne Nebenwirkungen. So erweisen sich die diagnostischen und pathophysiologischen Vorstellungen der chinesischen Medizin als probat, moderne immunologische Fragestellungen bzgl. chronischer Entzündungen, Allergien, Neurodermitis sowie von Autoimmunstörungen oder Immundefekten anzugehen. Dies gilt besonders, wenn man chinesische Funktionsmodelle mit denen der naturwissenschaftlichen Medizin assoziiert. Bewährt hat sich die Methode ferner bei Lähmungen, z.B. nach Schlaganfall, Anfallsleiden, Schmerzerkrankungen aller Art.
Nicht zu vergessen ist die Wirksamkeit der Methode bei gynäkologischen Störungen und in der Suchtbehandlung. Um die Leistungsfähigkeit der chinesischen Medizin zu illustrieren, haben wir, ohne Gewähr auf Vollständigkeit, eine Liste erprobter Indikationen zusammengestellt. Hier sind Diagnosen aufgeführt, deren "chinesische" Behandlung nach unseren Erfahrungen bei signifikanten Fallzahlen zu Heilungen oder erheblichen Besserungen geführt hat.

 

Behandlungsmethodik

Auf die chinesische Behandlungsmethode selbst kann hier nur stichwortartig eingegangen werden; wir verweisen hierzu auf die angegebene Literatur, insbesondere auf die Einleitung zum "Arzneibuch der chinesi-schen Medizin", die auf Wunsch zugesandt werden kann: Die chinesische Medizin geht individualisierend vor, d.h. die westliche Diagnose allein reicht als Behandlungsorientierung nicht aus. Es muß vielmehr zusätzlich zur westlichen eine chinesische Diagnose erhoben werden. Hierbei wird nach einer in China schulmäßig etablierten und von uns für westliche Bedürfnisse verfeinerten Methode so etwas wie ein individueller Reaktions-Status des Patienten erhoben. Diagnose-Werkzeuge sind eine außerordentlich detaillierte Krankenbefragung sowie spezielle körperliche Untersuchungen.
Auf diesem Wege wird eruiert, wie der einzelne Patient auf immunologische, alimentäre, toxische, psychische, klimatische Belastungen reagiert, und welche "Reaktionsbildungen" sich in der Phase der Krankheitsentwicklung pathologisch verfestigt haben. (z.B. Ekzem, chron. Durchfall, Erschöpfung, usw.)
Aufgabe der Therapie ist es, diese Reaktionsbildungen aufzulösen und das physiologische Kräftegleichgewicht wiederherzustellen.
Dabei stehen die im folgenden skizzierten Therapie-Verfahren zur Verfügung:
1. Die hierzulande am ehesten bekannte Akupunktur besteht in der Reizung definierter Punkte der Körperoberfläche. Dies führt zu einem Ausgleich "energetischer" Spannungszustände, mit der Folge, daß Schmerzen, Unruhe und vegetative Beschwerden nachlassen, und zwar häufig noch unter der Behandlung. Darüberhinaus läßt sich durch eine adäquate Punktstimulation die Funktionslage innerer Organe beeinflussen.
2. Die chinesische Arzneitherapie arbeitet mit Rezepturen aus Rohdrogen oder Granulaten pflanzlichen, mineralischen und tierischen Ursprungs, die, verglichen mit der hiesigen Phytotherapie, in sehr hohen Dosierungen eingesetzt werden.
Die chinesische Arzneitherapie ist im Westen weitgehend unbekannt, dabei verdanken wir ihr die Möglichkeit, auch schwere Erkrankungen mit guter Aussicht auf Erfolg zu behandeln. Die chinesischen Arznei-Drogen sind in ihren Wirkungen außerordentlich präzis beschrieben, allerdings mit den qualitativen Begriffen der chinesischen Krankheitstheorie und Diagnostik. Es ist daher unumgänglich, daß wir vor der Behandlung eine chinesische Diagnose stellen.
3. Die chinesischen Massagetechniken nutzen die aus der Akupunkturlehre bekannten "energetischen" Zusammenhänge. Ihr Indikationsbereich entspricht weitgehend dem der Akupunktur. Sie kommen bevorzugt bei Patienten zur Anwendung, die sich nicht akupunktieren lassen, etwa Übersensible und Kinder.
4. Ähnlich wie Akupunktur und Massage dienen auch die zahlreichen Übungsformen des Qigong dem Ausgleich "energetischer" Balance-Störungen mit positiven Auswirkungen auf Schmerzen, Span-nungszustände, Schlaflosigkeit, Haltungs- und Bewegungsstörungen, Funktionsstörungen innerer Organe. Als übendes Verfahren fördert Qigong Eigenaktivität und -Verantwortlichkeit des Patienten.

 

Wissenschaftliche Legitimation

Die chinesische Medizin erfüllt die allgemeinen Kriterien der Wissen-schaftlichkeit wie Erfahrungsgebundenheit und logische Widerspruchsfreiheit ihrer Aussagen, Vorhersagbarkeit krank-heitsdynamischer oder Therapie-induzierter Entwicklungen, Lehrbarkeit, usw.. Allerdings unterscheiden sich Grundbegriffe und philosophischer Hintergrund ganz wesentlich von der europäischen Tradition. Dieser Fragenkomplex hat auch außerhalb Chinas und Japans eine umfassende wissenschaftstheoretische Bearbeitung erfahren, und zwar bei uns durch Prof. M. Porkert, München ("Die theoretischen Grundlagen der chinesischen Medizin" Stuttgart 1982, "Die chinesi-sche Medizin" Düsseldorf 1982 und "Klinische Chinesische Pharmakologie" Heidelberg 1978) und im angel-sächsischen Sprachraum, z.B. durch T.J.Kaptchuk (deutsche Übersetzung: "Das große Buch der chinesi-schen Medizin",Bern, München 1988 ) und G.Maciocia ("The Foundations of Chinese Medicine", Edinburgh, London, Melbourne, New York 1989). Die Wirksamkeit der chinesischen Methode ist durch eine außerordentlich große Zahl klinischer Studien aus China belegt.
Allerdings sind wir aufgrund der Sprachbarriere weitgehend auf englischsprachige Literatur angewiesen; als Beispiele seien hier genannt die in China erscheinende Fachzeitschrift "The Journal of Chinese Medicine" und die 14-bändige Enzyklopädie"A Practical English-Chinese Library of Traditional Chinese Medicine" herausgegeben vom Shanghai College for Traditional Chinese Medicine.
Für den deutschsprachigen Raum erscheint regelmäßig im renommierten Medizin-Fachverlag Urban und Vogel, München, die Fachzeitschrift: "Die chinesische Medizin" und neuerdings im TCM-Verlag, Kötzting, eine deutsche Ausgabe von "The Journal of Chinese Medicine". Einen umfangreichen Überblick über klinische Studien aus China gibt (allerdings nur auf Akupunktur bezogen) das zweibändige Werk: "Ist Akupunktur Naturwissenschaft" herausgegeben von W. Auerswald, G. u. K. König, Wien, München,Bern 1982. Seit Anfang 1996 ist die Literaturdatenbank der DECA, abrufbar über das "TCM-NET", mit z. Zt. etwa 1000 Titeln verfügbar.

 

Die DECA

Unter dem Dach der DECA (gemeinnützige Gesellschaft für die Dokumentation von Erfahrungsmaterial der Chinesischen Arzneitherapie mbH, Reitmehring bei Wasserburg) haben sich z.Zt. 40 bis 50 Ärztinnen und Ärzte zusammengeschlossen, die z.T. seit mehr als 10 Jahren in eigener Praxis chinesische Medizin betreiben. Die DECA wurzelt im deutsch-sprachigen Raum, Gäste aus China zählen zu ihren Mitarbeitern.
Verbindendes Element ist die Erfahrung der außerordentlichen Möglichkeiten, die in der chinesischen Medizin liegen und die Überzeugung, daß ein ständiger Erfahrungsaustausch und eine Fülle gemeinsamer Aktivitäten notwendig sind, um diese Medizin im Kontext europäischer Lebensgewohnheiten und Krankheitsformen weiterzuentwickeln und wissenschaftlich abzusichern.
Die Gruppe ist offen: wer chinesische Medizin gelernt hat und sich im Klima unstandesgemäß kritischer Diskussionen weiterentwickeln will, ist eingeladen, sich an ihren Aktivitäten zu beteiligen.

 

© by Dr. Chr. Schmincke

Quelle: http://ag-tcm.de