Der mir in meiner Praxis am häufigsten
auffallende Ernährungsfehler ist die Belastung mit zuviel
kalten Nahrungsmitteln. Mit "kalt" qualifiziert die
chinesische Diätetik die abkühlende Wirkung eines Nahrungsmittels
auf den Organismus. Das hängt nur zum Teil davon ab, ob ein
Getränk kalt genossen wird oder etwa ein Gemüse ungekocht
gegessen wird. Mindestens ebenso wichtig ist die Temperaturcharakteristik
des Nahrungsmittels an sich. So wirkt ein Schnaps aufwärmend,
auch wenn er eisgekühlt getrunken wird. Pfefferminztee wird
kühlen, auch wenn er heiß getrunken wird. Es gibt Zubereitungsarten,
die kalt-wirkende Nahrungsmittel etwas wärmer werden lassen.
Bananen z.B.wirken deutlich abkühlend, besonders wenn sie
roh gegessen werden. Werden sie aber, wie im Chinarestaurant üblich,
in Honig gebacken, so werden ihr wärmende Energien hinzugefügt.
Äpfel z.B. wirken neutral-warm bis leicht kühlend. Aber
ein Backapfel, besonders wenn er mit warm-wirkenden Rosinen, heiß-wirkendem
Zimt und (neutralem) Honig heiß gereicht wird, kann an kalten
Tagen schon sehr gut wärmen. Mineralwasser, besonders mit
hohem Kochsalzgehalt, wirkt kühlend. Eisgekühlt wirkt
es natürlich noch stärker abkühlend.
Die Einstufung von Nahrungsmitteln nach der Temperaturwirkung
im Körper ist bei den Nahrungsmitteln genau wie bei den chinesischen
Arzneimitteln das erste wichtige Kriterium. Als zweites wesentliches
Kriterium ist der Geschmack zu nennen. Dieser bestimmt, welcher
Bereich des Organismus durch das Nahrungsmittel genährt bzw.
durch das Arzneimittel beeinflußt wird.
Nun aber zurück zu meiner Beobachtung, daß viele Probleme
durch zu kalt-wirkende Nahrung entstehen: Getränke und Nahrung
werden je nach Stärke der Funktionskreise Milz und Magen,
der "Mitte", unterschiedlich gut aufgenommen und verwertet.
Die Chinesen haben hierfür (wie immer!) ein anschauliches
Bild. Sie sagen, in der "Mitte" brenne das Verdauungsfeuer.
Es darf nicht zu hoch lodern, es darf aber auch nicht zu schwach
brennen. Wenn man dieses Bild weiter ausmalt, sieht man, daß
ein kräftiges Feuer auch feuchtes Holz oder andere schlecht
brennbare Materialien verbrennen kann. Legt man zuwenig trockenes
Holz nach, wird das Feuer zu schwach. Das führt dazu, daß
feuchtes Holz unvollständig verbrannt wird und die Heizkraft
des Feuers nachläßt. D.h.: Die Leistungen, die mit
der aus Nahrung gewonnenen Energie bewerkstelligt werden können,
lassen bei schwacher, kalter "Mitte"nach: Der Mensch
wird müde, friert schnell, wird infektlabil, er erkältet
sich im wahrsten (chinesischen!) Sinn des Wortes. Ein stabiles
Immunsystem braucht einen genügenden Wärmepegel des
Organismus. Dies ist besonders bei den Kindern der entscheidende
Punkt.
In der ersten Lebensphase(das sind 7 Jahre bei Mädchen und
8 Jahre bei Jungen), die in der chinesischen Medizin durch die
Wandlungsphase Wasser charakterisiert wird, sind die Kinder besonders
empfindlich für Kälte. Die Wandlungsphase Wasser entspricht
dem Funktionskreis Niere, dessen Yang-Energie Grundlage der Wärmeproduktion
ist. Deswegen ist die Niere besonders empfindlich für Kälteschädigungen.
Diese Yang-Energie, die auch gerne Nierenfeuer genannt wird, unterhält
mit das Verdauungsfeuer, und umgekehrt muß das Verdauungsfeuer
das Nieren-Yang wärmen. Deshalb sind Kinder in dieser Lebensphase
besonders empfindlich für Kälteaffektionen, die, wenn
sie mit Verdauungsschwächen verbunden sind, fast immer chronifizieren.
Neben Otitiden, Bronchitiden, Lungenentzündungen finden sich
daher meist breiige Stühle und häufig Bauchschmerzen.
Oft sehe ich auch Ekzeme, die durch simple Stützung der Mitte
und Austreibung der Infekte verschwinden. In dieser Altersgruppe
ist eine ausreichend wärmende Ernährung daher von großer
Bedeutung.
Denken Sie noch einmal an das Bild des starken Feuers, das auch
feuchtes Holz verbrennt! Bei schwachem Feuer wird feuchtes Holz
viel Qualm verursachen, das Feuer wird weiter geschwächt
werden, und viel Unverbranntes wird liegenbleiben. Feuchte, befeuchtende
Nahrungsmittel sind die mit süssem Geschmack und neutraler
bzw. kühler Temperaturwirkung: Zucker, Südfrüchte,
Milch, Frischkäse, junger Gouda, Tofu, Tomaten, Gurken, Säfte,
Wasser. Der Mensch braucht natürlich auch Nahrung, die ihn
befeuchtet, die seine Säfte unterhält und sein Yin,
aus dem seine körperliche Struktur hervorgeht, aufbaut. Aber
in unserer Kultur wird das schnell zuviel: zuviel Fleisch, zuviel
Eier, zuviel Käse, zuviel Nudeln, zuviel Kartoffeln. Ein
durch genug wärmende Nahrung kräftiges Verdauungsfeuer
wird auch mit erheblichem Überschuß an Feuchtigkeit
fertig. Fehlt die Kraft und Wärme zum Trocknen aber, so bleibt
Feuchtigkeit übrig, wird verdichtet, und es entsteht das,
was die Chinesen Schleim nennen. Das meint eine krankhafte Energie
von Schlackencharakter, die sich ihren Namen verdient, sobald
sie an die Schleimhäute gerät. Bei Kindern geht letzteres
noch flott, und darin steckt auch etwas Gutes: Die mangelnde Primärentsorgung
der Schlacken wird nachgeholt. Der ständige Schleimfluß
aus der Nase entspricht einem Überlaufventil. Bei starkem
Schleimanfall kann es aber zu Stauungen kommen, z.B. zu den bei
kleinen Kindern verbreiteten Mittelohr-Entzündungen. Bei
dieser Gelegenheit darf ich aus einem Schreiben einer Mutter zitieren,
die ihren 5jährigen Sohn wegen ständig wiederkehrender
Mittelohrentzündungen durch mich behandeln lassen wollte:
"...dabei ernähre ich ihn so gesund. Er trinkt einen
Liter Milch und ißt mindestens eine Banane oder Orange täglich."
Kein Wunder, denke ich, daß ihm der Schleim aus den Ohren
kommt.
Tatsächlich betrifft die Überlastung
mit zuviel kalten Nahrungsmitteln zuvorderst die Kinder. Erwachsene
verbrauchen hierzulande im allgemeinen eher zuviel an warm wirkenden
Nahrungs- und Genußmitteln( viel Fleisch, gebraten oder
gegrillt, was die erwärmende Wirkung noch steigert, Alkohol,
Zigaretten, scharfe Gewürze, alles kräftig wärmende
Mittel). Ausgenommen sind jene Erwachsene, die versuchen, sich
besonders bewußt gesund zu ernähren, wenig oder kein
Fleisch und Fisch essen, viel oder gar überwiegend Rohkost
verzehren, dabei in der Regel auch Genußmittel stark einschränken
sowie mangels Kochen auch den Gewürzen weitgehend entsagen.
Doch zunächst noch einmalmal zu den Kindern!
Auch meine Kinder(4, 9, und 14 Jahre alt) haben viel zu oft und
viel zu lange Schnupfen. Nachdem ich mich mit chinesischer Diätlehre
beschäftigt habe, mußte ich feststellen, daß
sie neben neutral wirkenden in großem Umfang kühl und
kalt wirkende Nahrungsmittel und Getränke, und zwar am liebsten
in kalter Form, zu sich nahmen. Seither kann ich die Neigung zum
Dauerschnupfen nicht mehr nur auf die schlechte Wuppertaler Luft
schieben. Wie sieht das im Detail aus?
Sie tranken z.B. gerne Obstsäfte(kühlen und befeuchten
stark), gerne Milch(neutral, aber stark befeuchtend), am liebsten
nur aus dem Kühlschrank. Zum Essen wurde Mineralwasser Tee
immer vorgezogen. Wenn schon Tee, dann wollten sie am ehesten
Pfefferminztee(kühlend), am liebsten kalt. Morgens aßen
sie gerne Müsli, d.h. Getreideflocken(neutral bis leicht
kühl), mit kalter Milch. Die beiden jüngeren essen meist
nur ungern gekochtes Gemüse, viel lieber Rohkost wie z.B.
Paprika, Tomaten und Gurken(alles kühl bis kalt und befeuchtend).
Gerne gemocht werden Weizenprodukte, sprich Nudeln(kühl und
befeuchtend). Natürlich mögen sie gerne in größeren
Mengen Äpfel(neutral bis kühl), Orangen und Bananen(kühl
bis kalt und befeuchtend bzw. schleimbildend und Joghurt(kalt
und feucht).
Der Süssigkeitenverbrauch incl. der Marmelade bzw. des Honigs
ist ein Problem besonderer Güte. Süssigkeiten bringen
Feuchtigkeitsprobleme mit sich, auch wenn sie in den meisten Zubereitungen(Schokolade!)
eher wärmend wirken. Auch viele Nahrungsmittel, die als süß
und neutral bis kühl qualifiziert werden, wie Milch und Frischkäse,
sind sehr befeuchtend. Dazu zählt auch junger Gouda, den
unsere Kinder am liebsten mögen. Ziegenkäse und ältere
bzw. fermentierte Kuhmilch-Käse sind weniger feucht und wärmer
wirkend.
Es gibt allerdings auch einige wärmende Nahrungsmittel, die
unsere Kinderherzen erfreuen: Kirschen und Kirschsaft, Pfirsiche,
Rosinen, Korinthen, Nüsse und Milchreis. Fleisch und Fisch(beides
nachhaltig wärmende Nahrungsmittel, wobei das Fleisch auch
kräftig befeuchtend wirkt!) gibts nur spärlich, da die
Eltern vegetarisch kochen. An temperaturneutralen Nahrungsmitteln
findet sich natürlich schon einiges: Brot z.B. besteht zwar
aus Körnern(Roggen, Weizen), die leicht kühlend wirken,
was aber durch das Backen aufgehoben wird. Die hellen Weizenbrote
sind befeuchtender, der Roggenanteil wirkt eher positiv auf pathologische
Trübungen.
Die Bilanz der Familienernährung sah insgesamt aber nicht gut aus. Bei uns herrschten einige diätetische Fehler, die durchaus weit verbreitet sind, da sie der herrschenden Ideologie von gesunder Ernährung entsprechen: Viel Vitamine, deswegen viel Rohkost und Obst, auf der einen Seite, viel Milch und Milchprodukte auf der anderen Seite, weil der berechenbare Inhalt der Nahrungsmittel(Eiweißanteil, Calciumgehalt, Vitamingehalt) das Maß aller Dinge scheint. Natürlich braucht es auch genügend Calcium in der Nahrung. Man kommt zwar auch ohne Milch an die notwendigen Mengen, aber gegen Milchprodukte in Maßen und im Kontext einer aus chinesischer Sicht ausgewogenen Ernährung will ich gar nichts sagen. Natürlich sind auch Vitamine nötig, deswegen braucht es schon etwas Rohkost und auch Obst, aber in Maßen und abgedeckt durch ausreichend wärmende und aufgeschlossene Nahrungsmittel. Wenn erst einmal einiges an Energie aufgebracht werden muß, um z.B. Getreideflocken oder -schrot im Körper "nachzukochen", leidet das Verdauungsfeuer unter dem morgendlichen Müsli zuerst einmal kräftig, ehe es sich auch selbst aus der schließlich erschlossenen Energiequelle kräftigen kann.
Versuchen Sie einmal, fest eingefahrene
Essensgewohnheiten bei Ihren Kindern zu verändern. Das ist
noch schwerer, als selbst Ernährungsgewohnheiten abzulegen.
Natürlich haben wir versucht, oben geschilderte Einsichten
praktisch umzusetzen. Ein Müsli aus gekochter Hirse mit Rosinen
und Nüssen zum Frühstück, wie es im Diätbuch
von Barbara Temelie(Anmerk. 1) empfohlen wird, das wäre ideal.
Dies sind alles wärmende Bestandteile ohne überschüssige
Feuchtigkeit. Bislang bin ich aber zufrieden, daß wir durchgesetzt
habe, daß das alte Flockenmüsli nur noch mit heißer
Milch angerichtet wird. Nur der Kleinste, der es wegen seiner
Schnoddernase und wegen seines Alters auch am nötigsten hat,
ißt immer häufiger bei Papas Reis-Congee mit oder nimmt
ein Brot, statt Flockenmüsli. Reis-Congee zum Frühstück
ist eine extreme Konsequenz aus der chinesischen Vorstellung,
daß Essen gut aufgeschlossen sein sollte, um der Mitte nicht
unnötig Energie zu entziehen. Für die Zubereitung des
Congees, chinesisch "Shifan" genannt, das heißt
"Wasserreis"wird Vollreis nur mit Wasser 4-6 Stunden
gekocht, bis eine haferschleimartige Konsistenz erreicht ist.
Eine grauenhafte Vorstellung für jeden Vollwertkostler, für
eine lädierte Milz jedoch ein wirkliches Heilmittel, gut
gegen Wasseransammlungen, Blähungen und vieles mehr. Man
kann es mit vielerlei leckeren Dingen wie Nüssen oder Äpfeln
kombinieren. Im Ernährungsbuch von Bob Flaws stehen zahlreiche
Varianten aufgeführt(Anmerk.2).
Doch zurück zur Ernährung meiner Kinder: Früher
stand in der Küche immer ein Obstteller mit Bananen und Orangen
zur freien Bedienung. Jetzt gibts in der Regel nur Äpfel
und Birnen(weniger kühl, weniger schleimbildend). Bananen
werden eher rationiert. Orangen versuchen wir auf Weihnachten
oder fiebrige Krankheiten( wobei die kühlende und befeuchtende
Wirkung hilfreich ist) zu beschränken. Auch Obstsäfte
gibt es nur noch rationiert, und wenn, dann Apfelsaft. Mineralwasser
zu den Brotmahlzeiten wurde abgeschafft. Früchtetees, die
temperaturneutral bis warm sind, mögen unsere Kinder nicht
so gern. Inzwischen bin ich zufrieden, Pfefferminztee durch Beimischung
mit wärmendem Fenchel zu einer ausgeglichenen Temperaturwirkung
gebracht zu haben. Joghurt wird ebenfalls mengenmäßig
rationiert, besonders im Winter. Überhaupt ist eine Anpassung
an die Jahreszeiten von großer Bedeutung. In der Sommerhitze,
die Säfte verbraucht, wird Befeuchtendes und Kühlendes
gebraucht. Joghurt z.B. ist dann nutzbringender als im Winter.
Ebenso wie im Sommer wird auch anläßlich austrocknender
Infekte befeuchtende und kühlende Nahrung gebraucht. Birnensaft
kühlt und befeuchtet bei fieberhaften Infekten der Luftwege
hervorragend ohne Schleimprobleme zu verursachen. Letzteres ist
bei Orangensaft eher gegeben. Tomaten und Gurkensalat erfrischt
im Sommer angenehm, während im Winter damit eine erhebliche
Anforderung an das Verdauungsfeuer gestellt wird. Viele Probleme
sind erst mit der ständigen Verfügbarkeit der früher
saisongebundenen Nahrungsmittel aufgetreten. Südfrüchte
und Tomaten werden von überall herangekarrt, und Vitaminideologen
bringen sie gerade zur Schnupfenzeit unters Volk.
Gekochtes Gemüse, Reis,sowie Hirse- oder Grünkernbratlinge
unters Jungvolk zu bringen versuchen wir beharrlich gegen den
Widerstand der beiden Jüngeren. Pfannkuchen mit Zimt sind
eines der wenigen Gerichte, die aufgeschlossen sind, wärmen
und auch noch gemocht werden, sozusagen Highlights einer anders
als üblich verstandenen Infektprophylaxe.
Der Versuch, Süssigkeiten knapp zu halten, ist von Kind zu
Kind unterschiedlich schwierig. Genau wie beim Käse und Joghurt
ist hier vieles ein Mengenproblem. Solange die Kinder nicht schon
allergische Probleme oder Ekzeme entwickelt haben, besteht kein
Grund zum dogmatischen Verbannen. Aber die Mengen zu kontrollieren,
ist besonders in den ersten 8 Jahren sehr wichtig.
Wie vorhin schon erwähnt, gibt es aber
auch ganz anders gelagerte Probleme. In der nächsten Lebensphase
vom 7.-14. bzw. 8.-16. Lebensjahr, charakterisiert durch Holz
als Wandlungsphase, steht mehr Spannkraft und Hitzigkeit ins Haus.
Zum Holz gehört der Leberfunktionskreis, dessen Grundcharakteristik
die Entfaltung von Kraft ist. Mit der Leber ärgert man sich
nicht nur, man entfaltet mit ihr auch seine ganze individuelle
Lebensenergie und richtet sie nach außen. Dementsprechend
hochdynamisch sind die gesundheitlichen Probleme. Sie sind geprägt
von Hitze und "Windkrankheiten" An chronisch rezidiv.
Störungen lösen die Mandel- die Mittelohrentzündungen
ab. Akne tritt auf. Schließlich entstehen wiederkehrende
eitrige Nebenhöhlenentzündungen und rezidivierende eitrige
Bronchitiden.
Jetzt wäre einiges an Kühlung durch die Nahrung angebracht.
Das Verdauungsfeuer, um das alte Bild wieder zu bemühen,
lodert jetzt manchmal sogar zu hoch und könnte eine kühle
Dämpfung vertragen. Oft findet sich auch die Kombination
von einer kühlen, noch angeschlagenen "Milz" und
hitzigen Problemen in der Peripherie, d.h. in den Funktionskreisen
Leber, Herz und Magen.
Die Ernährung ändert sich auch, aber in die falsche
Richtung. Schärfer gewürzte Speisen(Chips, scharfe Soßen),
mehr gebackenes und gegrilltes Fleisch, herzhafterer Käse
und dann das Aufkommen der Genußgifte, Kaffee, Alkohol,
Nikotin und Cannabis,setzen alle kräftige Hitzeimpulse. Das
Problem mit zu großen Mengen befeuchtender Nahrung bleibt
und steigert sich eher noch durch die großen Mengen an Fleisch,
Milchprodukten und Süßem, die verputzt werden.Bei vielen
sind die Filter- und Klärsysteme überfordert, es entstehen
energetische Schlacken, die nicht mehr als kalter dünner
Schleim überall hervorquellen, sondern die durch Hitze konzentriert
werden zu etwas , daß die Chinesen "heißen Schleim"
nennen. Wer diesen an die Schleimhäute manövrieren kann,
ist eigentlich noch glücklich dran(Sinusitiden, Bronchitiden),
bei vielen gerät er in die Haut(Ekzeme), was schon übler
ist, da die Haut nur unter großem Schaden Schleim ausleiten
kann. Tückisch ist der Schleim, der unter der Oberfläche
bleibt und akkumuliert. Vielleicht hat der eine oder andere meinen
Vortrag zu diesem Thema im Vorjahr(Anmerk.3) gehört oder
gelesen, eine Kopie kann auf Anfrage verfügbar gemacht werden.
Was kann man tun? Es gibt ja immer wieder Berichte von Menschen,
die mit radikaler Rohkosternährung die übelsten Krankheiten
unter Kontrolle gebracht haben. Diese Erfolge von Rohköstlern
gehören hier an diese Stelle. Rohkost kühlt Hitze, weil
ständig Wärme verbraucht wird, um die rohe Nahrung aufzubereiten,
sie quasi nachzukochen. Außerdem fehlen die wirklich erwärmenden
Mittel wie Fleisch,Fisch, scharfe Gewürze, Alkohol und Kaffee.
Und zum Schluß reduziert Rohkostdiät die säftereichen
Speisen drastisch durch den Ausschluß von tierischem Eiweiß.
Feuchte Hitze und daraus resultierender heißer Schleim lassen
sich damit günstig beeinflußen. Viele Rheumaerkrankungen
z.B. sind dominiert von "feuchter Hitze" und "Windhitze.
Daher hat Rohkostdiät nach Bruker schon vielen Rheumatikern
geholfen, akute Schübe zu stoppen. Je nach den Kräfteverhältnissen
der "Mitte" (und des Funktionskreises Niere) dauert
es aber unterschiedlich lang, bis eine strikte Rohkostdiät
die Energie dieser Bereiche, die auf Unterstützung durch
wärmende Nahrungsmittel angewiesen sind, ausgezehrt hat.
Dies kann z.B. zu Durchfällen, Gewichtsverlust, Frostigkeit,
depressiver Stimmung und evt. auch zu erneuten Verschlechterung
des Rheumas führen. Zum destruierenden Gelenkrheuma gehört
nämlich auch immer eine äußere Kälteschädigung,
die durch eine das Innere abkühlende Ernährung durchaus
auch verstärkt werden kann. Dann ist es höchste Zeit,
eine Rohkostdiät abzubrechen. Die Beibehaltung der vegetarischen
Kostlinie ist jedoch ratsam, um die Feuchtigkeits- und Schleimbelastungen
von vorher nicht wieder aufleben zu lassen. Es muß aber
wieder gekocht werden! Gewürze wie Zimt und Muskat helfen
gegen die Auskühlung der Nierenenergie. Damit ist das Rheuma
nicht geheilt, aber das Umschlagen einer früher hilfreichen
Diät in schädigende Ernährung erkannt. Im weiteren
Verlauf muß die Auswahl an wärmenden Speisen je nach
Krankheitsstand bemessen werden, um ein Aufflammen der alten hitzigen
Störungen zu vermeiden, aber auch eine Auskühlung zu
verhindern. Wie bei vielen anderen komplexen Erkrankungen bleibt
längerfristig nur ein diätetischer Mittelweg was die
Temperaturwirkung der Nahrungsmittel anbetrifft. Eine Anpassung
an die Jahreszeiten ist sinnvoll. Der Rest ist Aufgabe einer Arzneimitteltherapie.
Komplexe Erkrankungen, wie z.B. das Rheuma, treten zwischen dem
30. und 50. Lebensjahr gehäuft auf. In dieser Spanne komplizieren
sich typischerweise die hitzigen Störungen um hinzutretende
Erschöpfungsprobleme. Mütter können nach mehreren
Geburten und den darauffolgenden anstrengenden Jahren ausgepowert
sein, da diese Zeit neben freudvollen Erlebnissen oft geprägt
ist von gestörtem Schlaf und einer kräfteraubenden ständigen
Verfügbarkeit für die Bedürfnisse der kleinen Kinder.
Männer haben sich im Karrierekampf verausgabt. Der Funktionskreis,
der hier in die Jahre kommt, ist die Niere. Sie braucht, wie schon
anfangs dargestellt, Stützung und meist auch Wärme.
Wer sonst gesund ist, profitiert jetzt leicht von Fleisch, Fisch
und wärmenden Kraft-Suppen und von entsprechenden stützenden
und wärmenden Arzneimitteln. Wer die oben geschilderten Probleme
der mittleren Lebensphasen nicht ausgelassen hat, d.h. komplexe
Gesundheitheitsstörungen entwickelt hat, wird sich in verschiedenen
Kapiteln der gängigen chinesischen Ernährungsbücher
wiedererkennen und feststellen, daß die dementsprechenden
Diät-Ratschläge sich widersprechen. Das führt dazu,
daß die meisten Patienten in meiner Praxis nach der Lektüre
immer noch nicht wissen, was für sie eigentlich richtig ist.
Mit einer Arzneimitteltherapie kann man die Gegensätzlichkeiten
einer komplexen Störung besser angehen als mit Diät.
Oft ist eine langfristige Therapie mit chinesischen Arzneimitteln
nötig, die sowohl auf die Beseitigung der hitzigen Schlacken
wie auf die vorsichtige Stützung der Schwachpunkte ausgerichtet
ist. Bei dieser häufigen Kombination ist allerdings eine
Ernährung, die sich an dem ausrichtet, was ich im folgendem
zum Übergewicht empfehle, sehr hilfreich und liefert oft
die Voraussetzung, unter der sich die Arzneimittel überhaupt
entfalten können. Bei Yin-Mangel und Trockenheitsproblemen
allerdings müssen die genannten Empfehlungen noch weiter
modifiziert werden.
Ein weitverbreitetes Problem ab dem 35.
bzw. 42. Lebensjahr - das ist die Lebensphase, in der erneut die
Wandlungsphase Wasser dominiert - ist zunehmendes Übergewicht.
Darauf möchte ich zum Schluß meines Vortrags noch genauer
eingehen. Viele klagen: Obwohl ich eher weniger und viel gesünder
als früher esse, nehme ich immer weiter zu. Aus chinesischer
Sicht ist die Abnahme von Nieren- und Verdauungsfeuer hierfür
verantwortlich. Meist bestehen aber auch erhebliche Verschlackungen,
die den Energiefluß stören. "Gesünder essen"
heißt doch meist: Viel Rohkost, wenig Fleisch und viel Obst.
Wer aber viel Salate und Säfte zu sich nimmt, der füllt
seinen Magen zwar kalorienarm, aber kühlt sein Verdauungsfeuer
weiter ab. Voriges Jahr bin ich an einem Wochenende mehr aus Zufall
in ein Kurhotel geraten. Was da an Rohkost- und Obsttellern, Quark-
und Joghurtmengen sowie Orangensaft auf den Buffets stand, obwohl
es draußen fror und schneite, ließ mich frösteln.
Durch die mit einer solchen Kost verbundene Kalorienverknappung
kann man kuzfristig sogar abnehmen, obwohl sich bei vielen trotz
800 Kcal. kein Gramm Fett rührt. Zu Hause kommt jeder Tropfen
Sahne sofort wieder aufs Polster. Ja, das Zunehmen nach mehreren
Abmagerungs-Kuren geht immer schneller! Kein Wunder, denke ich,
bei dieser Attacke auf ein schon angeschlagenes Nieren- und Verdauungsfeuer.
Nach der Kur ist die Verdauungskraft noch geschwächter als
vorher, und das bedeutet, daß überschüssige Kalorien
dann noch schlechter verbrannt werden als vorher.
Es gibt nun Ratschläge seitens der chinesischen Medizin,
die auf massive Aufwärmung des Nierenfeuers hinauslaufen(z.B.
im Buch von Henry C. Lu, Anmerk.4). Wegen der hierzulande häufigen
Schleimprobleme würde ich jedoch sehr zur Vorsicht raten,
um keine Altlasten wild zu machen. Eine milde, aber langfristige
Strategie ist für unsere Patienten meist angebrachter: Ein
gemächliches Aufpäppeln des Nierenfeuers durch neutral
bis warme Nahrung unter Einsparen an Yin-stützenden Nahrungsmitteln(die
bekanntermaßen auch dick machen, wie Fleisch in größeren
Mengen, Kartoffeln, Nudeln und Pizza). Gleichzeitig sind entschlackende
Nahrungsmittel nützlich wie Reis, Roggen, Maisbarttee. In
meiner Praxis empfehle ich meist:
Mehr Reis als Kartoffeln
Mehr Roggen als Weizen
Sparsam Fleisch, mehr Fisch
Sparsam Milch und Milchprodukte
Sparsam mit Obstsäften
Bevorzugt hiesiges Obst
Rohkostsalat maßvoll, bevorzugt in der warmen Jahreszeit
Kein Zucker
wenig Alkohol, lieber mal einen Rotwein als kaltes Bier!
Wie soll ich denn da satt werden, fragen
viele. Die Antwort ist: Getreide, Getreide, Getreide! Allerdings
ausreichend lange gekocht und bei der Auswahl der Getreideart
ein Übergewicht an Weizen und Weizenprodukten vermeiden.
In dem Ernährungsbuch von B. Temelie wird ein alter chinesischer
Professor zitiert (Prof. Lueung Kok Yuen, TCM Uni Paris), der
folgende Empfehlung gibt: 70% Getreide, 15 % gekochtes Gemüse,
5% Rohkost, 5% Fleisch und Fisch, 5% Milchprodukte und sonstiges(Anmerk.5).
Man muß allerdings bedenken, daß die Chinesen mit
dem Wok Gemüse nur kurz braten und damit Vitaminschonend
erhitzen. Sonst wäre mit den 5% Rohkost tatsächlich
der nötige Vitaminbedarf nur schwer zu decken.
Und was soll man aufs Brot tun? Wenn Sie eine der zwei üblichen
Brotmahlzeiten ersetzen durch eine kleine warme Mahlzeit, reduziert
sich dieses Probleme schon deutlich: Machen sie sich ein Hirsemüsli
nach dem Buch von B. Temelie(Anmerk. 1) oder wenn Sie mehr entschlacken
wollen, kochen Sie ein Reis-Congee nach den zahlreichen Vorschlägen
im Ernährungsbuch von Bob Flaws(Anmerk. 2).
Mir ist klar, daß das schwierigste Problem eine gleichzeitige
Reduktion von Fleisch und Milchprodukten ist. Als Eiweißersatz
werden meist Sojaprodukte benutzt. Tofu ist aber auch problematisch,
da er feucht und kühl ist. Es wird daher immer empfohlen,
ihn durch Fritieren oder Rösten wärmer zu machen. Sojapasten
sind meist durch Gewürze kräftig angewärmt. Nußmuse
sind relativ eiweißreich und auch calciumreich und meist
neutral, wie z.B. Tahin. Das ist Sesammus(Sesam stützt die
Nieren), das man leicht mit Gewürzen schmackhaft machen kann.
Nehmen Sie ab und zu Räucherfisch oder auch mal Dosenhering
in Senfsauce aufs Brot, das wärmt schon ganz schön.
In diesen 15 Minuten haben Sie einiges über chinesische Ernährungsgrundsätze gehört, was von den Ernährungsgewohnheiten unserer modernen westlichen Kultur ganz entscheidend abweicht. Wenn Sie sich nur einmal die Kosten vorstellen, die durch die chronischen Erkrankungen der Kinder und durch die Gesundheitsstörungen der Übergewichtigen hervorgerufen werden, so wird Ihnen schnell einleuchten, daß mit einer Adaptation von chinesischen Ernährungsweisheiten hierzulande einiges zu einer Kostendämpfung im Gesundheitswesen beigetragen werden könnte.
Anmerkungen:
1)Temelie, Barbara, Ernährung nach den 5 Elementen, Sulzberg, Joy-Verlag, 1993, S. 108.
2)Flaws, Bob, Wolfe, H.Lee, Das Yin und Yang der Ernährung, Barth Verlag, Bern,München,Wien, 1992, S.127 ff.
3) Frieling, Ulrich O.H., Schleim als krankhafter energetischer Faktor, Vortrag 3.11.93, Medizinische Woche Heidelberg, im Rahmen der Vortragstagung der Arbeitsgemeinschaft für Chinesische Medizin.
4)Lu, Henry C., Chinese system of food cures, Sterling Publishing Co., New York 1986, S. 161 ff.
5)Temelie,B., Ernährung ..., s.Anmerk. 1), S. 51.
© Ulrich O.H. Frieling
Quelle: http://www.ag-tcm.de